• Es sind nun einige Besprechungen und Interviews zum Buch erschienen; zum Jahresausklang ist vielleicht der richtige Moment, die als eine Art Rückblick mal zu sammeln.

    Schlechte Besserung (Kim Posster, nd)

    Es ist vor allem die praktische Vorstellung von besseren, gar befreiten Verhältnissen, die vom aktuellen Pandemierevisionismus vergessen werden muss. Wofür er alle (potenziell) Kranken und Toten noch einmal opfert. Eine Linke, die selbst diesem Vergessen anheimgefallen ist, wird an diesem trostlosen Zustand nichts ändern. Deshalb ist zu wünschen, dass gerade hier das Buch viel und breit gelesen wird. Denn: Erinnern heißt kämpfen.

    Das Leben hat einen Wert an sich (Benjamin Moldenhauer, taz)

    „Jeder Aspekt der Pandemie und ihrer Verheerungen wird in „Die verdrängte Pandemie“ sozial und politisch aufgefasst. Unter ihren Bedingungen zeigt sich der Normalbetrieb wie unter einem Brennglas: Wer ist entbehrlich, was muss laufen, was muss pausieren? Was verstehen die Menschen unter Freiheit, was wird verteidigt, was wird hingenommen?

    In der Pandemie zeigte sich auch, wie Protestformen aussehen, die es erlauben, sich als Freiheitskämpfer aufzuführen und zugleich Untertan zu bleiben. Den Herausgebern ist es gelungen, ein zugleich multiperspektivisches wie umfassendes Bild der Verheerungen der Pandemie zu zeichnen. Und zwar nicht nur der gesundheitlichen, sondern vor allem der gesellschaftlichen. Die verschiedenen Perspektiven der Au­to­r*in­nen schaffen so eine Gegenerzählung zur momentan laufenden Umdeutung und Neuschreibung von Corona.“

    Ein andauerndes Problem (René Martens, MDR – Das Altpapier)

    Dass Corona überwiegend nur noch als historisches Phänomen wahrgenommen wird, lässt sich durchaus als Merkmal des gesamten gegenwärtigen Journalismus beschreiben. Welche generellen Schwächen der Journalismus in diesem Bereich hat – das machen nun die Autorinnen und Autoren des Buchs „Die verdrängte Pandemie“ deutlich (…).

    Nicht zuletzt erinnert „Die verdrängte Pandemie“ auch daran, dass die Situation von Menschen, die heute „private Schutzmaßnahmen ergreifen müssen“, in der Berichterstattung fast keine Rolle mehr spielt.

    „Neu-Erscheinung – Die verdrängte Pandemie“ (Nadja, goodbye-19.net)

    Endlich ein Buch, das sich damit auseinandersetzt, wie wir mit der Pandemie umgehen – oder eben nicht damit umgehen. Es enthält viele spannende Denkansätze. Alle, für die die Pandemie eben noch nicht vorbei ist, werden einige interessante Artikel für sich finden.

    Eine Schwachstelle hat das Buch jedoch für mich: Jeder Autor, jede Autorin hat eine eigene Schreibstimme. Trotzdem hätte es an manchen Stellen gut getan, wenn das Lektorat etwas mehr Verständlichkeit in den Text gebracht hätte; Sätze vereinfacht, Absätze gesetzt hätte. So obliegt es den Leserinnen und Lesern an manchen Stellen, komplizierte Formulierungen für sich aufzulösen, um dem Gedankengang des Schreibenden zu folgen.

    Alles in allem aber ein lange überfälliges Buch, mit einer klaren Kaufempfehlung von mir. Ich hoffe, viele weitere Bücher, die sich mit den gesellschaftlichen Folgen der Pandemie und des Verdrängens der Pandemie auseinandersetzen, werden folgen.

    Die verdrängte Pandemie (coronawissen.com)

    Die Autoren verweisen zu Recht auf die soziale Ungerechtigkeit in der Pandemie, die sich weiter verschärft hat. Zu Beginn der Pandemie hieß es ja so schön, dass ein Brennglas auf die Mehrklassengesellschaft geworfen werde. Doch statt etwas daran zu ändern, wurde nur geklatscht. Eine Gratwanderung sind die Aussagen im Buch immer dann, wenn es um die virologische und medizinische Entwicklung der Pandemie geht.

    In fundamentalen Positionen der Autoren, die vor allem den Ausblick auf die kommenden Jahre und den Ist-Zustand der Gefährdung durch das Virus betreffen, komme ich heute zu einer anderen Einschätzung als noch vor zwei, drei Jahren (…), zugleiche stimme ich aber der gesellschaftskritischen Analyse großteils zu – wenngleich ich mir weniger ideologischen Unterbau erhofft hätte.

    Interviews:

    Stimmlagen“ – Gespräch mit David Mehlhart

    „Die verdrängte Pandemie“ – Interview mit Radio Corax

    „Was ist eine linke Alternative zur Mehrfachdurchseuchung?“ – Gespräch mit Mathias Vavra

  • Anlässlich der gerade immer wieder tagenden Enquetekommission zur Aufarbeitung der Pandemie hat Kristina Schröder in der Welt 12 Fragen gestellt, die es zu beantworten gälte. Bevor wir zum Überbau kommen, lohnt es sich aber doch, sich die Fragen im einzelnen anzusehen, und die Leerstellen und Auslassungen sichtbar zu machen, mit denen sie arbeitet.

    Der Fragenkatalog

    Frage 1: „Herr Professor Drosten, Sie gaben Eltern in Ihrem Podcast ja immer die beruhigende Sicherheit, dass Kinder durch das Virus nie in besonderem Maß gefährdet waren. Auch dem RKI lag diese Information früh vor. Gleichzeitig gingen die Schulschließungen maßgeblich auf Ihren Rat zurück. Heißt das, dass primäres Ziel dieser Maßnahme nie der Schutz von Kindern war?“

    In den Vorannahmen verstecken sich schon zwei Fehler: erstens war zu Beginn der Pandemie nicht klar, wer wie gefährdet sein würde: auch nicht, wie gefährdet Kinder waren. Es ist im übrigen bis heute nicht klar, welche Langzeitfolgen das Virus haben wird; die enorme Zunahme von neurodegenerativen Erkrankungen in Verbindung mit dem Virus geben da aber immerhin zarte Hinweise. Zweitens gehen die Schulschließungen nicht auf den Rat Christian Drostens zurück, sondern waren eine politische Entscheidung: um die Reproduktionszahl in einem Rahmen zu halten, der den Zusammenbruch des Gesundheitssystems unwahrscheinlich macht, mussten relevante Teile des öffentlichen Lebens eingeschränkt werden. Die damalige Bundesregierung wollte, um den Wirtschaftsstandort D nicht zu gefährden, die Arbeitsstätten offen lassen; also musste anderes zugesperrt werden, gerade im Bereich Freizeit und Schule.

    Die Antwort auf die Frage ist Ja. Es ging darum, die R-Zahl bei eins zu halten.

    Zum Überbau: Kristina Schröder stellt hier eine Frage, die schon hundertfach beantwortet wurde, unter anderem von Christian Drosten selbst im Zuge der – Überraschung – letzten Sitzung der Enquete-Kommission. Das ist nur wenige Wochen her. Es sagt einiges zur intellektuellen Redlichkeit Kristina Schröders, dass sie diese Antwort ignoriert und so tut, als wäre das nach wie vor eine offene Frage.

    Die Frage funktioniert nur, weil sie mitlaufen lässt, dass das Virus für Kinder nicht gefährlich sei: Das ist in mehrerlei Hinsicht nicht der Fall. Es wird postmodernen Linken ja sehr oft vorgeworfen, nicht die Gesellschaft im Blick zu haben, sondern immer nur einzelne Gruppen zu adressieren:

    Frage 2: „Frau Professor Buyx, als ehemalige Vorsitzende des Ethikrats kennen Sie Immanuel Kants Verzweckungsverbot: Ein Mensch darf niemals nur als Mittel zur Verfolgung kollektiver Zwecke behandelt werden, als bloßes Objekt staatlichen Handelns. Waren Sie während der Pandemie der Auffassung, dass wir insbesondere gegenüber Kindern und Jugendlichen dieser Maxime gerecht wurden?“

    Alena Buyx hat mehrfach betont, dass der Ethikrat die Interessen der Kinder und Jugendlichen in ihrer Zeit als Vorsitzende nicht genug auf dem Schirm hatte. Ansonsten scheint mir das maßgebliche Problem zu sein, dass Kristina Schröder nicht verstanden hat, was es mit dem Verzweckungsverbot auf sich hat.

    (Ich muss hier vorausschicken, dass ich weder Philosoph noch Jurist bin, Kant höchstens oberflächlich gelesen habe, aber sozusagen in einer sekundären Beschäftigung über Existenzialismus, Foucault und Bourdieu einen Zugang zu der Thematik habe; mein erster Impuls war zu denken, dass Kristina Schröder hier eigentlich lieber Ayn Rand zitiert hätte, aber Kant halt besser klingt. Aber das ist nur ein feuilletonistischer Verdacht.)

    Das Verzweckungsverbot ist ein Begriff aus Kants Strafrechtstheorie, die sozusagen als Basis des liberalen Rechtsstaates dienen kann, wie Schröder das ja auch verwendet. Dem Verzeckungsverbot voraus geht also die kantsche Prämisse, dass „der rechtliche Zustand dasjenige Verhältnis der Menschen untereinander (ist), welches die Bedingungen enthält, unter denen allein jeder seines Rechts teilhaftig werden kann.“

    Was also nicht geht, ist, die Rechte der Kinder und Jugendlichen gegen die anderer Bevölkerungsgruppen auszuspielen; zum Beispiel, ganz konkret, deren Recht auf Überleben. In Schröders Denken werden die Interessen von Kinder und Jugendlichen erstens absolut gesetzt und zweitens wird so getan, als wären die Bedingungen der vorpandemischen Realität in ihrem Sinne.

    Richtig ist: Der Staat hat die Schulen geschlossen und die Freizeitmöglichkeiten stark begrenzt. Er hat gleichzeitig nicht den Leistungsdruck von den Jugendlichen genommen. Es wurde weiterhin benotet, ein Karenzjahr oder dergleichen war nicht vorgesehen. Er hat sozusagen die Schulen als sozialen Ort geschlossen, ohne die repressive Idee der Schulen zu beanstanden. Das ist natürlich ein Problem, eine Ungerechtigkeit, hat aber ideologische Gründe: die Wirtschaft braucht den Nachstrom der Schulabgänger*innen. Diese philosophisch grundierte gespielte Menschlichkeit, die Schröder hier aufführt, hat ihren Ursprung in einem kompletten Desinteresse an dem, was tatsächlich passiert ist.

    Frage 3: „Herr Professor Harbarth, in dem von Ihnen als Präsident verantworteten Urteil, in dem die Schulschließungen vollumfänglich gebilligt wurden, erkennen Sie an, dass Kinder nicht nennenswert gefährdet waren und unter Umständen lebenslangen Schaden davon trugen. Gilt aus Sicht des Bundesverfassungsgerichts das Verzweckungsverbot nicht für Kinder?“

    Das BVerfG urteilte, dass auch die Schulschließungen „in der äußersten Gefahrenlage der Pandemie“ mit dem Grundgesetz vereinbar gewesen seien. In ihrer Gesamtheit hätten sie dem Lebens- und Gesundheitsschutz sowie der Aufrechterhaltung eines funktionsfähigen Gesundheitssystems als überragend wichtigen Gemeinwohlbelangen gedient. An dieser Stelle kann Kristina Schröder vielleicht ein neues Konzept lernen: die Rechtsgüterabwägung.

    Dass die Interessen der Wirtschaft politisch gegen jene der Schüler*innen sich durchsetzten, ist ja tatsächlich ein Skandal und stellt ernsthafte Fragen: aber an die Politik, nicht an das Bundesverfassungsgericht.

    Frage 4: „Herr Professor Papier, Sie sagten im Oktober 2024, das Bundesverfassungsgericht habe während der Pandemie „Rechtsschutzverweigerung“ betrieben. Für einen ehemaligen Präsidenten dieses Verfassungsorgans ist das eine ungewöhnlich drastische Aussage. Können Sie das noch einmal erläutern?“

    So ungewöhnlich drastisch ist diese Aussage gar nicht. Papier äußerte dieses Urteil in einer Podiumsdiskussion nach einem Vortrag. Im Zusammenhang sagte er: „Ich habe das Versagen der Judikative damit begründet, dass sie insbesondere der Exekutive nicht rechtzeitig aufgegeben hat, für eine gesichertere Datenbasis zu sorgen, damit eben in absehbarer Zeit eine wirklich genauere Beurteilung der wirklichen Gefahrenlage, aber auch der Geeignetheit, der Effektivität, der Erforderlichkeit und der Verhältnismäßigkeit der einzelnen Schutzmaßnahmen möglich wird. Das hätte man in den Eilentscheidungen machen können, diese Anordnung treffen, aber es fehlte eben, wenn ich so sagen darf, der Mut. So, dass das alles dann […] letztlich endete in einer großen Rechtsschutzverweigerung.“

    Dass es diese Datenlage nicht gab und auch nicht in der Geschwindigkeit, die Papier gerne gehabt hätte, geben konnte, ist der maßgeblich Einwand gegen dieses Urteil von Papier.

    Frage 5: „Herr Tegnell, was hat sie als schwedischen Staatsepidemiologen bewogen, die Schulen bis Klasse 10 während der gesamten Pandemie offenzulassen? (Und, Herr Tegnell, kleine Nachfrage, wo wir Sie schon mal hier haben: Studien zeigen ja inzwischen, dass Schweden insgesamt eine geringere Übersterblichkeit hatte als Deutschland. Hat sich Karl Lauterbach für seine Aussage, Sie hätten während der Pandemie „fast immer falsch gelegen“, eigentlich mal entschuldigt?)“

    Schweden verfolgte eine Durchseuchungsstrategie zur Herstellung einer Herdenimmunität. Dafür brauchte es die Schulen als Drehkreuze des Virus.

    Was die Übersterblichkeit anbelangt, macht ein Vergleich mit Deutschland wenig Sinn, weil Schweden zum Beispiel sehr viel dünner besiedelt ist. Für die ersten Welle kamen auch Untersuchungen der schwedischen Regierung zu der Einschätzung, dass die Mortalität zu Beginn der Pandemie im Vergleich zu ähnlich strukturierten Ländern (verglichen wurden die Zahlen mit Dänemark, Norwegen und Finnland) signifikant erhöht war. Auch wenn in der zweiten Welle die Übersterblichkeit in Dänemark und Norwegen höher lag als in Schweden, hat Schweden eine überdurchschnittliche Todesrate; hätte Tegnell sich mit seinen Ideen durchgesetzt, wären auch staatlich organisierte Covid-Partys (analog zu Masern-Partys) möglich gewesen; zu einem Zeitpunkt, als niemand wusste, welche Langzeitfolgen das Virus hat.

    Frage 6: „Herr Spahn, während der Pandemie befand sich Deutschland datentechnisch weitgehend im Blindflug. Warum haben Sie nicht gleich zu Beginn eine nationale Kohortenstudie mit vielleicht 3000 zufällig ausgewählten Bürgern aufgelegt, um anhand der Seroprävalenz nachzuvollziehen, wie sich das Virus verbreitet, wie Immunität entsteht und welche Risikofaktoren wirklich zählen?“

    Um Himmels Willen. Dieser Vorschlag ist derart abwegig, darauf kann man unmöglich antworten. Allein schon die Vorstellung, dass sich so Immunität nachweisen lässt bei einem Virus, das fortwährend mutiert, ist derart quatschig, dass man meinen könnte, Schröder habe sich noch nie mit der Verbreitung von Covid19 beschäftigt.

    Allerdings stimmt, dass es in Deutschland große Probleme mit dem Datenfluss gab, weil die Gesundheitsämterinfrastruktur nicht vorbereitet war.

    Frage 7: „Herr Professor Wieler, Sie betonten stets, als RKI-Präsident weisungsgebunden gegenüber der Bundesregierung gewesen zu sein. Wie passt das damit zusammen, dass Sie Ende 2020 selbst einen Aufruf der Leopoldina unterzeichneten, in dem Sie die Bundesregierung zu „einem harten Lockdown“ aufforderten?

    Gegenfrage: Inwiefern passt das nicht zusammen? Wir sind ja nicht beim Militär.

    Frage 8: „Herr Bischof Bedford-Strom, alte Menschen wurden über Monate isoliert, oft auch gegen ihren Willen. Wäre es nicht originäre Aufgabe der Kirche gewesen, darauf hinzuweisen, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt – und eben auch nicht allein von physischer Gesundheit?“

    Damit der Mensch nicht nur vom Brot allein lebt, muss er erstmal leben. Wir hatten vor der Impfung auf Altenheimstationen, in die das Virus eingetragen wurde, Sterberaten von bis zu 70 Prozent. Wahr ist, dass die Heime zu totalen Institutionen rückgebaut wurden, die quasi von der Umwelt komplett abgeschottet wurden: übrigens eine Entwicklung, der Kristina Schröder in ihrem Willen, Geld im Sozialen einzusparen, auch jetzt Vorschub leistet. Dazu später mehr.

    Frage 9: „Herr Hans, von Ihnen als damaligem saarländischem Ministerpräsidenten stammt der Satz über Ungeimpfte „Ihr seid jetzt raus aus dem gesellschaftlichen Leben.“ Wie meinten Sie das eigentlich?“

    Der Satz war nicht als Feststellung gemeint, sondern als Botschaft. Das war allerdings zugegebenermaßen kein Glanzstück politischer Kommunikation. Die Realität aber ist: Nicht die Nicht-Geimpften waren jemals raus aus dem gesellschaftlichen Leben, sondern die Risikogruppen.

    Frage 10: „Herr Buhrow, was sagen Sie als ehemaliger ARD-Vorsitzender zu der Kritik, die deutschen Medien und insbesondere der ÖRR hätten in ihrer Pandemie-Berichterstattung fast immer gefragt: „Reicht das?“, fast nie: „Ist das zu viel?“?“

    Diese Kritik entbehrt jeder Grundlage. Hauptsache, Schröder hat dem ganzen Narrativ des „Staatsfunks“ noch ein Kapitel hinzugefügt.

    Frage 11: „Herr Bundeskanzler Scholz, im Dezember 2021, also zu einem Zeitpunkt, als viele europäische Länder ihre Maßnahmen bereits weitgehend beendet hatten, sagten Sie, in der Pandemiebekämpfung dürfe es „keine roten Linien geben“. Wie passt das mit Artikel 19 unserer Verfassung zusammen, nach dem Grundrechte „in ihrem Wesensgehalt“ niemals angetastet werden dürfen?“

    Im Dezember 2021 waren in keinem europäischen Land Maßnahmen der Pandemiebekämpfung beendet; sie sind es übrigens bis heute nicht. Olaf Scholz meinte damit im übrigen, dass wenn sich die pandemische Lage verändere, man nicht kategorisch Maßnahmen vorab ausschließen könne. Dass er damit sagen wollte, er wolle die Verfassung außer Kraft setzen, ist schlicht grober Unfug.

    Frage 12: „Frau Bundeskanzlerin Merkel, über 300.000 Menschen mussten in Deutschland allein sterben, psychische Erkrankungen unter Kindern und Jugendlichen sind sprunghaft angestiegen, und ein ganzes Land wurde zwei Jahre lang lahmgelegt – glauben Sie, dass summa summarum, auch unter Einbeziehung der langfristigen Folgen, durch die Corona-Maßnahmen mehr Nutzen als Schaden erzielt wurde?“

    Dass 300.000 Menschen „allein“ sterben mussten, stimmt nicht; dass das Land lahmgelegt wurde, auch nicht. Im Gegenteil war ja eines der Probleme, dass das Land nicht „lahmgelegt“ wurde, dass es also ein Primat der Wirtschaft über Kinder, Jugendliche und Risikogruppen gab. Wenn Frau Schröder wissen will, wie ein Zusammenbruch des Gesundheitssystems ausgesehen hätte, würde ich eine Recherchereise nach Brasilien empfehlen: wird aber schwierig, für so ein Foschungsvorhaben Geld aus den gleichen Töpfen zu bekommen, die sie jetzt finanzieren.

    Der größere Rahmen

    Einige Tage vor ihren Fragen hat Kristina Schröder, ebenfalls in einer Welt-Kolumne, die Beendigung der Inklusion gefordert, weil: zu teuer. Konkret will sie kommunal finanzierte Assistenzen für Menschen mit Behinderung abschaffen. Abgesehen von einigen sachlichen Fehlern im Text (zum Beispiel hat sich nicht Deutschland für einen weiten Behinderungsbegriff entschieden, sondern in der Behindertenrechtskonvention der UN, die D ratifiziert hat, wird das Menschenrechtsmodell etabliert, dem sich D wie alle anderen ratifiziert habenden Länder auch angeschlossen hat) offenbart sich noch mehr.

    Die Zahlenkolonnen, die Schröder anführt, erinnern durchaus an Mathematikaufgaben, die in NS-Schulbüchern zu finden waren. Ein Beispiel:

    Der jährliche Aufwand des Staates für einen Geisteskranken beträgt im Durchschnitt 766 RM; ein Tauber oder Blinder kostet 615 RM, ein Krüppel 600 RM. In geschlossenen Anstalten werden auf Staatskosten versorgt:167 000 Geisteskranke, 8 300 Taube und Blinde, 20 600 Krüppel.

    Wieviel Mill. RM kosten diese Gebrechlichen jährlich?

    Wieviel erbgesunde Familien könnten bei 60 RM durchschnittlicher Monatsmiete für diese Summe untergebracht werden?

    Die Leerstelle, die diese ökonomischen Erwägungen lassen, liegt nicht nur in der Inhumanisierung. Sie liegt auch darin, dass sie beliebig erweiterbar ist, ein Fass ohne Boden. Was, wenn wieder das Geld ausgeht – sind dann die Einrichtungen zu teuer? Die Alten? Wer noch? Wer produziert nicht genug?

    Das ist keine theoretischen Überlegungen. Es gibt konkrete historische Referenzen. Die NS-Administration wartete bis 1939, um die verschiedenen Vernichtungsaktionen (darunter auch die Aktion T4) zu starten, weil sie die Gegenwehr der Kirche fürchteten. Es hat im übrigen auch nie eine gesetzliche Grundlage für die Ermordung behinderter Menschen gegeben, nur einen Brief Adolf Hitlers, in der er jene gut hieß. Der Brief stammte aus dem Oktober 1939 und wurde rückdatiert auf den 01.09.1939, um eine direkte Verbindung herzustellen zum Kriegsbeginn: da das deutsche Volk nun wegen der Kriegsanstrengungen verzichten musste, waren Menschen mit Behinderung ökonomisch nicht mehr tragbar. Tatsächlich nicht und auch nicht diskursiv. Es ist antifaschistisch, das Recht jedes Menschen auf Überleben zu verteidigen.

    Es wäre aber ein Fehler, den Willen zur Exklusion, die dann in die sogenannte Euthanasie führte, allein bei den Nazis zu suchen. Maßgeblich die im übrigen seit den 1880er laufende Diskussion (die just in dem Moment aufkam, als die Psychiatrie die Arbeit im Bereich Menschen mit Behinderung aufnahm) beeinflußt hat das Pamphlet „Die Freigabe der Vernichtung lebensunwerten Lebens“ von Binding und Hoche. Beide gehörten zur Elite des Kaiserreichs, und zumindest was Binding anbelangt, kann man sagen, dass er Gegner des Nationalsozialismus war (Hoche starb bereits 1920).

    Mit den Vernichtungsaktionen der Nazis (unter Mithilfe der Ärzt*innenschaft, der Pfleger*innen und auch der Kirchen und auch unter dem mindestens akzeptierenden Schweigen der Bevölkerung – die Vernichtungsanstalten standen mitten in Deutschland, die Asche der verbrannten Leichen regnete auf die Vorgärten der umliegenden Dörfer und Städte) kamen diese Überlegungen zu einem logischen Ende.

    Ca 330.000 Menschen fanden in der NS-Euthanasie den Tod. Sie gelten bis heute nur als Opfer des NS-Regimes, nicht als Verfolgte. In einem Interview über seine in Hadamar ermordete Großmutter sagte mir Andreas Hechler:

    „Der Firnis der Zivilisation ist sehr dünn. Das wurde auch während der Corona-Pandemie deutlich, in der wir in Windeseile eine Triage-Diskussion hatten. Die aktuelle Sterbehilfedebatte ist dafür auch ein gutes Beispiel: Dass da völlig losgelöst von der deutschen Geschichte vom »Recht auf den Tod« geredet wird, ist gefährlich. Und zwar auch in der gesellschaftlichen Linken, die eigentlich wissen sollte, dass diese Gesellschaft geradezu erpicht darauf ist, Menschen umzubringen, ob in der Sahara oder im Mittelmeer.“

    Opferbreitschaft (aber bitte die anderen)

    Ein Aspekt des Pandemierevisionismus ist die Verachtung gegenüber allen Opfern ME/CFS-Erkrankten. Aus der Perspektive jener, die die nach wie vor vom Virus ausgehende Gefahr kleinreden oder schlicht leugnen, sind all jene, die langfristig schwer erkranken, ein Problem. Sie sind nämlich auch Ausweis dessen, wie inhuman die rücksichtslose Aufhebung jeglichen Schutzes tatsächlich ist.

    Auch daher die Psychopathologisierungen und Hysterisierungen, mit denen ME/CFS-Betroffene sich oft konfrontiert sehen. Jan Fleischhauer hat dieser ganzen Herabwürdigung u.a. von ME/CFS nun ein neues Kapitel hinzugefügt, indem er versucht, manche Erkrankungen als links zu framen: es gebe „offenbar einen Zusammenhang zwischen Krankheitsanfälligkeit und politischer Einstellung“.

    Das ist ein Kategorienfehler, und vermutlich ein kalkulierter. Dazu später mehr, zunächst will ich (trotz allem, was ich über Fleischhauer weiß) mir die Mühe machen, das ernstzunehmen.

    Der Kategorienfehler liegt darin, dass Fleischhauer denkt, jene, die sich öffentlich über ihre Erkrankungen äußerten, stünden repräsentativ für alle Erkrankten. Das ist selbstverständlich nicht der Fall: es gibt Diskursräume, in denen die Thematisierung von Einschränkungen, Erkrankungen und Behinderungen akzeptierter sind als andere. Dass gerade emanzipative Bewegungen innerhalb der Linken sich den Belangen chronisch Kranker nicht komplett verschließen, ist dabei nicht verwunderlich: ihr Anspruch ist es ja gerade, dass jeder Mensch zählt.

    Innerhalb rechter Diskurse aber gibt es schlicht keinen Raum für kranke Menschen.

    Es kommt dazu, dass Menschen, die sich eher im rechten Umfeld bewegt haben und an ME/CFS erkrankt sind, Schwierigkeiten haben, eine Position zu ihrer Erkrankung zu entwickeln. In unserem Buch beschreibt Wolfgang Hien die inneren und äußeren Kämpfe eines erkrankten Handwerksmeisters, der nun nicht einem rechten Spektrum angehört, aber gewisse Paradigmen rechter Diskurse aufgenommen hat: insbesondere etwas, das ich Heroisierung der Männlichkeit nennen würde. Jemanden, der seinen Selbstwert darüber aufgebaut hat, stark und unabhängig zu sein und zu performen, stürzt die Erkenntnis der eigenen Verletzbarkeit (und Verletztheit) unweigerlich in eine Krise. Interessanterweise äußert sich das dann bei dieser Person darin, dass sie Leute, die seine Erkrankung ignorieren oder leugnen, anschreien möchte: also in Aggression. Die reaktiven Muster zu verlernen und neue Herangehensweisen aufzubauen, wie mit der Umwelt umzugehen sei, ist etwas, das Leute mit tendenziell reaktionärem Weltbild leicht überfordert – verständlicherweise, möchte ich hinzufügen. Nicht nur muss maus sich mit einem Körper auseinandersetzen, der eine*n sozusagen im Stich lässt, nicht nur muss maus sich damit auseinandersetzen, dass das soziale Gefüge um einen herum zusammenbricht: maus muss sich obendrein damit auseinandersetzen, dass die Haltung (man könnte hier durchaus von hateung sprechen), die maus gegen die Welt gehabt hat, sich ganz plötzlich gegen eine*n wendet. Das sind schon sehr viele Kränkungen auf einmal.

    Es fehlten rechten Erkrankten also an allem: es fehlt ihnen an der Sprache und der Haltung, auf die Veränderung ihrer Umstände zu reagieren. Es fehlt ihnen an einem Umfeld, dass ihnen hilft und sie stützt. Es fehlt ein Resonanzraum, in dem sie gesehen werden. Und es fehlen die Mittel, die neue Situation zu channeln.

    Es ist also überhaupt nicht verwunderlich, dass Rechte entweder nicht über ME/CFS sprechen oder versuchen, ME/CFS als Post Vac zu deklarieren. Würde Fleischhauer sich für sein Thema interessieren, wüsste er das auch. Ich habe sicher mit über 70 ME/CFS-Betroffenen gesprochen, davon waren vielleicht fünf schon vor ihrer Erkrankung dezidiert links. Mindestens 30 davon waren übrigens davor in der Pflege gewesen und haben sich mutmaßlich dort mit dem Virus angesteckt: es wäre also viel naheliegender zu behaupten, Pflege sei was für Mimosen. Das hätte allerdings den Nachteil, dass (noch) niemand derart verblendet ist, das tatsächlich zu glauben.

    Der ideologische undercurrent, den Fleischhauer hier mitfahren lässt, ist aber tiefer: dass Links nämlich krank sei, degeneriert. Dieses humptydumptymäßige Balancieren auf der Brandmauer ist ja so die Rolle, die Fleischhauer für sich gefunden hat; das verkauft er dann als Seitenscheitel-Punk. Das wäre lustig, wenn es ein Einzelphänomen wäre, aber Fleischhauer ist ja auch nur Mitläufer einer größeren Stichwortgebergemeinde, die in diesem Fall Leuten, mit denen ich persönlich politisch quer liegen (wie zum Beispiel dem oben zitierten Handwerksmeister) ernsthaft schaden.

    Die Umdeutung der Pandemie und die Herabrwürdigung von Kranken und Behinderten geht Hand in Hand. Jene, die krank sind, als „ökonomisch belastend“ zu framen, ist eine Vorstufe der Aussonderung. Es gibt hier auch kein Vertun: Schröder und Fleischhauer wissen, was sie sagen. Das ist eine kalkulierte Eskalation.

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    Buchbestellung „Die verdrängte Pandemie“ – 19,80 € (D); 20,40 €(Ö/CH) + Versand

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    Warnung!

    Seit der Aufhebung der staatlichen Schutzmaßnahmen macht sich in allen politischen Lagern ein Pandemierevisionismus breit. Die Gefahr, die vom Virus ausging und weiter ausgeht, wird kleingeredet, der Gesundheitsschutz als übertrieben bezeichnet oder sogar ins Lächerliche gezogen, die Notwendigkeit weiterer Prävention negiert, an Long Covid leidende Menschen werden stigmatisiert und die Bedürfnisse von vulnerablen Personen kommen in der Diskussion kaum mehr vor.

    In diesem multidisziplinären Sammelband wird dem Revisionismus auf den Grund gegangen. Autor*innen und Wissenschaftler*innen aus den Bereichen Medizin, Evolutionsbiologie, Pflege, Arbeits- und Gesundheitswissenschaften, Gewerkschaftsarbeit, Philosophie, Politikwissenschaften kommen dabei zu Wort. Neben einer kurzen Sozialgeschichte der Pandemie werden auch die kapitalistische Seuchenproduktion, die Rolle des Staates während der Pandemie, die Zustände der Gesundheitssysteme, ideologische Kollateralschäden der Durchseuchung und die mangelnde Versorgung für Long-Covid- und ME/ CFS-Patient*innen behandelt.

    Ausgehend vom Befund, dass die gesamte Pandemie hindurch Behindertenfeindlichkeit und Sozialdarwinismus eine tragende Rolle spielen, liegt ein Fokus auch auf der Frage, was geschehen muss, damit vulnerable Personen ungefährdet Teil dieser Gesellschaft sein können.

    Mit Beiträgen u.a. von Thomas Ebermann, Natascha Strobl, Stefan Dietl, Wolfgang Hien, Peer Heinelt, Eva Hottenroth und Karin Fischer.

    Bild: Frédéric Valin/Paul Schuberth (Hg.): Die verdrängte Pandemie. Linke Stimmen gegen den Pandemierevisionismus
  • 0) Das ist nicht mehr als ein Zettelkasten, der in unregelmäßigen Abständen erweitert werden soll. Es sind nicht mehr als rohe Gedanken und Einfälle; keine fertige Theorie.

    1) Was niemand sieht

    Der Pandemie war von Anfang an miteingeschrieben, dass ihre Ursache zwar darstellbar ist, aber nicht greifbar. Es gab verschiedene Versuche, das Virus selbst als solches abzubilden und sozusagen die Wurzel des Übels zu fassen – das blieb freilich unproduktiv, weil so ein überdimensioniertes, vereinzelt vor sich hinschwebendes Virus nichts zu sagen weiß. Ein Virus gehört der Masse, gehört in die Masse; mit dem Virus ist ja auch nie der einzelne Partikel gemeint, sondern immer das ganze Phänomen. Gustave Le Bons Definition von Masse nimmt gerade darauf Bezug, wenn er von einer Gemeinschaftsseele, die diese Masse auszeichnet, und von einer „Ansteckung“ der Gefühle spricht. Das unterschiedet bei Le Bon die individualisierte, demokratische Menge von der irrationalen Masse. Die Parsprototoisierung in den Darstellungen (hier als Beispiel ein Spiegelcover von April 2020) hat den eigentümlichen Effekt, dass das Virus zwar individualisiert wird, aber als etwas alienhaftes, als Eindringling, das die Welt erobert.

    (2 a) Eine Frage wäre, inwiefern die Bevölkerungen während der Lockdowns zu einer körperlosen Masse wurden.)

    3) Das Fremde

    Dass (ausgerechnet) Amazon 2025 eine Neuverfilmung von „War of the Worlds“ herausbrachte, erscheint folgerichtig: der Text von HG Wells liest sich heute wie ein Kommentar zu Pandemie-Paragidmen. Es gibt hier mehrere Ebenen: Einerseits das Virus als „Das Fremde“, das in eine halbwegs heile Welt eindringt, um dort alles zu verheeren und das ganze Leben – jedes Leben – umzustürzen, andererseits aber auch der eugenische Unterlauf, der in der Moral kulminiert, dass die Menschheit sich das Recht auf ein Leben auf Erden nur dadurch erlitten hat, weil es all die Pandemien und Seuchen überlebt habe. Die Auslese durch Bakterien und Viren hat eine Menschheit geformt, die koexistieren kann; im Gegensatz zu den Aliens, die diesen Prozess nicht durchliefen und deswegen alle dahinscheiden müssen. Die Parallelen zu Covid-Politiken der Durchseuchung liegen auf der Hand; man muss also einen Teil der Menschen loswerden, um die Menschheit als ganzes zu festigen. Das ist reine Eugenik.

    (3a) Die besondere Ironie in dieser ganzen Neuverfilmung liegt in der Verschränkung mehrerer Ebenen: den Film als misslungen zu bezeichnen wäre eine sanfte Untertreibung. Eine genauere Analyse des Films und all seiner Fehler und Ungereimtheiten steht an dieser Stelle noch aus, ein paar Aspekte aber lassen sich hier sicher anekdotisch einflechten: die miserable schauspielerische Leistung hängt mit den Produktionsbedingungen zusammen: Ice Cube beispielsweise berichtete darüber, wie er im Lockdown ohne Regie und ohne sonstige Unterstützung Teile des Films vor dem eigenen Rechner schlicht eingesprochen hat: da kommt die Schauspielerei dann wieder zurück zum Mythos des aus sich selbst schöpfenden Küntler*innen-Ichs und scheitert prompt grandios. Es gehört aber andererseits ironischerweise dazu, dass dieser Flop für Amazon deswegen gar keiner ist, weil er angesichts der Gewinne während der Pandemie überhaupt nicht ins Gewicht fällt: Amazon kann es sich leisten, Schrott zu produzieren. An der Stelle ist interessant, dass der Bereich, aus dem sich Amazon für seine Schrottstory bedient hat – die Literatur nämlich – gerade unter den Gewinnen Amazons während der Pandemie gelitten hat, weil die Papierpreise derart in die Höhe schossen. U.a. dadurch, dass der Versandhandel explodierte, haben mehrere Produzent*innen in Schweden auf Verpackung umgestellt, weswegen in ganz Europa die Papierpreise deutlich stiegen: was dann Kleinverlage in besonderem Maße bedrohte; nicht zuletzt deswegen haben einige Kleinverlage in Europa auch die Segel gestrichen.)

  • In der philosophischen Audiothek entsteht gerade eine Reihe zu Long Covid und ME/CFS. In der letzten Ausgabe sprach Jana Winter mit Dr. Sonja Riegler über die Macht des Nichtwissens, nicht nur in Bezug auf die Pandemie, aber durchaus mit einem Schwerpunkt darauf. Das Nichtwissen, was Long Covid (und auch andere chronische Erkrankungen) anbelangt, führt sie schlussendlich nicht zentral auf psychologische Momente des Selbstschutzes und der Abschottung zurück, sondern argumentiert, dass Kern der Ignoranz das Desinteresse im Kapitalismus an nicht verwertbaren Körpern ist. Diese nicht verwertbaren Körper sind in sich widerständig, würde ich anfügen, und nicht auf einer rein existenzialistischen Ebene, sondern auch epistemisch (das sagt wiederum Dr. Sonja Riegler), denn Betroffene können Wissen hervorbringen, das anderen unerreichbar ist. Gerade bei ME/CFS und Long Covid ist das ja auch in sehr kurzer Zeit geschehen. Interessant sind auch die vielen Querverbindungen zu anderen Marginalisierten, die Riegler immer wieder miteinflicht.

    In der Folge zuvor sprach Duha Samir mit Markus Hochgerner über seine Erfahrungen als Psychotherapeut in Wien, der seit 2021 auch Long-Covid- bzw. PAIS-Betroffene in Gruppen begleitet. Eine Sache, die mir zwar schon ganz ungefähr klar war, aber die ich so deutlich bisher noch nicht vor Augen hatte, ist das Gift in der Frage von „Was hast Du?“. Gerade bei chronischen Erkrankungen gibt es da meiner Erfahrung nach keine Antwort, die mir selbst ansatzweise gerecht werden würde. Hochgerner nennt das auch eine Fragmentierung des Empfindens der Betroffenen: Durch das Aufschlüsseln in verschiedene Symptome scheint es den Fragenden dann wenn auch nicht nachfühlbar, so doch zuordenbar – („Achso, Bluthochdruck, das hab ich auch!“). Er spricht auch unter anderem über die Hilflosigkeit der Medizin und ihrem teilweisen Versagen dabei, es richtig zu kanalisieren; sowie über die psychischen Voraussetzungen für Pacing.

    Noch nicht gehört habe ich die erste Folge mit Jana Winter, Duha Samir und Zoe Gudovic über das Ausruhen, aber mit dem Slogan „Rest is Resistance“ kann ich jedenfalls schon eine Menge anfangen.

  • Das Buch ist da. Es ist schon seit ein paar Tagen lieferbar und hat sogar schon die erste Rezension erhalten. René Martens war in der MDR-Medienkolumne „Altpapier“ ziemlich angetan:

    „Wohlgemerkt: „Die verdrängte Pandemie“, herausgegeben von Frédéric Valin und Paul Schuberth, ist ein medienkritisches Buch, aber weit mehr als das. Es finden sich dort zum Beispiel auch ein Beitrag zu „globalen Impfhierarchien“ und der Bericht eines Oberarztes einer COVID-19-Station. Wobei auch dieser Mediziner – Wolfgang Hagen, Autor des nachdrücklich empfohlenen Blogs/Newsletter „All Coronaviruses are bastards“ – um Medienkritik nicht herum kommt:

    „Bisweilen liest man in sogenannten Aufarbeitungen den Vorwurf, dass selbst zu den Spitzenzeiten nicht einmal die Hälfte der Intensivbetten mit COVID-Kranken belegt waren. Das klingt oft so, als ob die restlichen Intensivbetten unbelegt gewesen wären. Tatsächlich war ein großer Teil der Betten aber natürlich nicht unbelegt, sondern für Nicht-Covid-Kranke vorgesehen (…) Es stimmt, dass trotzdem Betten frei blieben – viel zu wenige im Übrigen. Der Grund mag manche überraschen: Intensivstationen sollten nie komplett voll sein.“

    Was manche Journalisten wahrscheinlich erst begreifen werden, wenn sie oder Angehörige einen freien Platz auf einer Intensivstation benötigen.“

    Einigermaßen überwältigt sind wir auch von den Reaktionen in den sozialen Medien. Menschen schreiben, sie hätten ein Stück weit ihre politische Heimat wiedererlangt; andere, dass sie gerne einen Lesekreis zum Buch machen würden; wieder andere freuen sich, von uns zitiert worden zu sein, als wären nicht wir gesegnet gewesen mit ihrem Input, sondern als hätten sie uns etwas zu verdanken. Das Gegenteil ist der Fall; oder sagen wir: es stimmt beides. Wir haben auch deswegen ein zumindest in weiten Teilen aktivistisches Buch gemacht, weil wir uns den Leuten, die wir zustimmend zitieren, nahe fühlen.

    (Ich würde die einzelnen Beiträge normalerweise gerne verlinken; aber sollte das Buch die Aufmerksamkeit der Querdenker*innen auf sich ziehen, will ich nicht derjenige sein, der diese Leute auf einzelne Profile lenkt; traurig, dass ich diese Vorsichtsmaßnahme für nötig erachte; warum ich das tue, das werde ich nochmal ausführen zu einem späteren Zeitpunkt.)

    Der Unrast Verlag, bei dem das Buch erschien, ist übrigens ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als unsere linke Kritik am Pandemierevisionismus erschien, ins Fadenkreuz rechter Kreise geraten (nicht wegen des Buches, sondern weil er verdientermaßen den deutschen Verlagspreis für herausragende verlegerische Leistungen erhalten hat). Es war schweirig genug, einen Verlag zu finden, der dieses Buch hat machen wollen: diese schmierige NIUS-Kampagne ist auch ein Angriff auf kritische Herangehensweisen wie unsere. Wir sind sehr stolz auf unseren Verlag, dass er sich dem entgegenstellt.

    Solltet ihr dem Buch helfen wollen, wären dieses Wege: Man kann das Buch über uns bestellen oder die Verlagsseite. Rezensionen bei so einem Scheiß wie amazon helfen aber leider auch. Zélawie wie der Franzose (das wäre ich) sagt. „Hommers“, würde der Österreicher sagen, das wäre Paul.